„…ach, du warst in Afrika!“ – Betrachtung einer Freiwilligen

16 Mai
Foto: Privat

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von Julia Gerz

Ich bin Julia, mittlerweile Studentin der Soziologie im 6. Semester und habe – wie so viele junge Leute – nach meinem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland verbracht. In Südafrika war ich, habe 12 Monate in einer Einrichtung mit geistig behinderten Erwachsenen gelebt und gearbeitet, hatte meine Hochs und Tiefs, war zuständig für alles und nichts und tauchte ein in den Alltag einer mir fremden Kultur. Große Freude – große Anstrengung die breite Palette und von allem etwas. In diesem Jahr habe ich viele südafrikanische Freunde gefunden und gleichzeitig ist mir durch sie die Geschichte des Landes und die aktuelle Le- benssituation nahe gekommen.

Schwierig wurde es, als ich nach diesem Jahr voller neuer Eindrücke und einer neuen Sensibi- lität wieder nach Deutschland zurückkam. Natürlich sprachen mich viele auf mein Auslands- jahr an. Mir wurde bewusst wie schwer es wirklich ist, differenziert und realistisch über ‚mein‘ Südafrika zu berichten: So viele schienen bereits ein vorgefertigtes Bild von ‚Afrika‘ im Kopf zu haben und merkten sich aus meinen Darstellungen nur das, was sie hören wollen und was ihr Bild von diesem Kontinent bestätigte. Richtig erschrocken habe ich mich aber, als etliche meine Südafrika-Berichte schnell mit „Ach, du warst in Afrika“ kommentierten und ihnen scheinbar nicht bewusst war, dass dieser ganze Kontinent viele Völker in riesigen und kleinen Ländern mit großen kulturelle Unterschiede beherbergt.

Auf den Rückkehrer-Seminaren meiner Entsendeorganisation haben wir uns mit der Vermitt- lung eines ‚realistischen Afrikabildes‘ beschäftigt. Hier wurde ich mit der nigerianischen Au- torin Chimamanda Adichie bekannt. „The danger of a single story“ heißt einer ihrer Vorträge. In diesem berichtet sie, dass eine einzige Geschichte (oder ein einzelner Strang einer Ge- schichte) schnell Vorurteile, Klischees oder Stereotypen auslösen kann – und viele andere Seiten, die diese eine Geschichte vielleicht auch noch hätte, dem Zuhörer verborgen bleiben. Chimamanda Adichie erzählt unter Anderem von ihrem Studium in den USA und von den Erlebnissen mit ihrer amerikanischen Zimmergenossin: „She had felt sorry for me even before she saw me. Her default position towards me, as an African, was a kind of patronizing, well- meaning pity. My roommate had a single story of Africa: a single story of catastrophe. In this single story, there was no possibility of Africans being similar to her in any way, no possibil- ity of feelings more complex than pity, no possibility of a connection as human equals.“

Durch eine ‚single story‘, wie Chimamanda Adichie es nennt, wird die Sicht auf viele Dinge eingeschränkt. Eine ausführlichere oder differenziertere Erzählung wäre vielleicht aufwendi- ger oder komplizierter, aber auch realistischer. Mit dieser Komplexität wollen viele Zuhörer gar nicht erst konfrontiert werden – einfacher ist es, sich die Vorurteilskette, die man ohnehin schon im Kopf hat, bestätigen zu lassen. In diesem Kontext erzählt Adichie von dem Kom- mentar ihres Professors zu einer ihrer Geschichten: „The professor told me that my characters were too much like him, an educated and middle-class man. My characters drove cars. They were not starving. Therefore they were not authentically African.“

Es wäre schon viel damit getan, sich selbst bei Erzählungen kritisch zu prüfen: kann diese Geschichte möglicherweise falsch oder verdreht verstanden werden? Erzähle ich hier eine

‚single story‘ oder bin ich differenziert genug? Was bewegt mich dazu, diese und nicht eine andere Geschichte zu erzählen: welche Botschaft will ich transportieren? Bediene ich bereits bestehende Vorurteile und Klischees? Berichte ich vorwiegend von zu spät kommenden Mini- Bussen und der ‚African time‘ oder erwähne ich das nur unter vielen anderen Dingen und berichte weiterhin von der tollen Atmosphäre auf dem Farmers Market auf welchem ich re- gelmäßig die Produkte meiner Einrichtung verkaufte. Und – ist das etwa auch schon wieder ein Klischee: tolle afrikanische Märkte?

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