Boyhood: Wer willst du sein?

4 Dez

Der Film, der 12 Jahre gedreht wurde // von Alexander Triesch

Regisseur Richard Linklater hatte 2002 die Idee, eine Geschichte über die Kindheit zu erzählen, so ehrlich und so nah am Leben wie noch nie zu vor. Nach 12 Jahren Dreharbeiten ist das Ergebniss Boyhood, ein Film der abseits gewohnter Klischee-Dramatik mit den unscheinbaren Dingen des Lebens berührt.

Eigentlich klingt alles nach einer einfachen, schon dutzende Male gesehenen und vielleicht sogar so oder so ähnlich selbst erlebten Geschichte: In Boyhood begleitet der Zuschauer den heranwachsenden Mason (Ellar Coltrane), wie der Titel bereits erahnen lässt, durch seine Jugend. Von der Einschulung in mehreren texanischen Schulen, über seine Beziehung zu Schwester Sam (Lorelei Linklater) und den geschiedenen Eltern, die immer wieder für einen Umzug in die nächste Patchwork-Familie sorgen, den Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, bis hin zu den ersten eigenen Schritten am College, charakterisiert der Film einen Jugendlichen und seine Familie so facettenreich wie nie zuvor. Das Besondere: Nach einer guten Stunde wird auch dem schläfrigsten aller Zuschauer bewusst, dass, obwohl Mason auf der Leinwand vor sich hin altert, der Schauspieler stets Ellar Coltrane bleibt. Denn damit Boyhood so realistisch wie möglich gedreht werden konnte, startete Regisseur Richard Linklater 2002 eines der ambitioniertesten Projekte der Filmgeschichte. Er versammelte den recht unbekannten Cast jedes erneut Jahr für wenige Tage zu Dreharbeiten, um so Stück für Stück die Geschichte um Mason zusammenzubasteln. Ein risikoreiches Unterfangen, schließlich war nicht klar, ob die damals 6-Jährigen Kinderdarsteller nicht irgendwann die Lust auf das Projekt verlieren würden. 12 Jahre später waren die Arbeiten am Film abgeschlossen, der Kinostart endlich nah und das Langzeit-Experiment geglückt.

Es wäre aber unfair, Boyhood nur aufgrund der aufwendigen Produktion zu loben. Linklater versteht es ganz besonders, den Szenen Leben einzuhauchen und sämtliche Handlungen, die eigentlich völlig banal und des Kinos unwürdig erscheinen, ins Außergewöhnliche zu zaubern. Dabei wird ganz bewusst auf klassische Hollywood Klischees verzichtet, die der Coming-of-Age Film sonst so bietet. Der erste Kuss, der erste Rausch, das erste Mal oder überdramatisierte Momente. All das scheint irgendwo zwischen den Szenen zu passieren, im Vordergrund stehen die kleinen besonderen Erlebnisse der Figuren in all ihren Details. Wenn Mason mit seinem Vater (Ethan Hawke) beim Camping-Ausflug am Lagerfeuer darüber philosophiert, ob „Die Rache der Sith“ endgültig der letzte Star-Wars-Film gewesen sein soll, oder die beiden zur Obama-Unterstützung im republikanischen Texas Plakate von John McCain von den Straßen klauen, dann weil Boyhood ehrlich sein will. Der Film ist auch eine Zeitreise durch das letzte Jahrzehnt, erinnert den Zuschauer an kulturelle Ereignisse von Harry Potter bis zum Lady Gaga Hype, ja selbst der Soundtrack ist immer auf der Höhe der jeweiligen Zeit, seien es Songs von blink-182 oder The Hives. Irgendwann scheint es dann, als wüsste man nicht mehr genau, ob man nun tatsächlich einen Film oder eine echte Dokumenation über einen gewöhnlichen Jugendlichen und sein Erwachsenwerden schaut.

Aber wenn Boyhood nur die unspannende Story eines pubertierenden Jugendlichen erzählt, warum sollte man sich diesen Film dann ansehen? Irgendwann wird Mason von einem seiner Lehrer die Frage gestellt: „Wer willst du eigentlich sein?“. Eine Antwort findet er nicht. Jeder andere Charakter, sei es der angepasste, coole Vater, die oftmals gelangweilte Schwester oder die überforderte Mutter, könnte sich diese Frage ebenso stellen. Und jeder, der Boyhood sieht, wird sich die Frage in Gedenken an die eigene Jugend selbst vielleicht auch stellen – aber in jedem Fall mit Freude Mason zusehen, wie er die Antwort auf seine Art finden möchte.

 

 

 

 

 

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