Der erste Trierer Musical Award – oder warum unsere Stadt drei weitere Theater braucht

19 Jan

Ein Textbuch, eine Bühne, ein paar Kulissen, eine Band, ein Schauspiel-Ensemble und fertig ist die Musical-Produktion. Könnte man meinen. Das Finale des ersten Trierer Musicalawards, das am 14. Januar im Kasino am Kornmarkt stattfand, zeigte jedoch, wie viele Ideen und Aufwand wirklich hinter einer Theater-Produktion stecken.

Karl Sibelius, Intendant des Theaters Trier und Initiator des ersten Trierer Musical Awards ist sichtlich stolz, als er die Gäste im gut gefüllten Kasino am Kornmarkt begrüßt. Insgesamt 19 Teams, jeweils angeführt von einem Jungregisseur, haben sich bei dem deutschlandweit einmaligen Wettbewerb beworben, um ab Juli Andrew Lloyd Webbers Musical „Jesus Christ Superstar“ am Theater Trier inszenieren zu dürfen. Die vier Finalisten, die ihre Konzepte am Donnerstagabend präsentieren, beweisen mit ihren Konzepten, die unterschiedlicher kaum sein können, wie viel Kontext durch verschiedene Inszenierungen in ein Musical gebracht werden kann.

Von dem vier Teams entscheiden sich jeweils zwei für das Walzwerk und zwei für das Theater als Inszenierungsort. Claudia Isabel Martin, die unter anderem schon als Regieassistenz und Abendspielleitung an der Oper Köln gewirkt hat, möchte den Spielraum für ihre Inszenierung gar auf das Foyer des Theaters erweitern, damit die Zuschauer noch vor Betreten der Sitzreihen in das Spiel mit einbezogen werden. Auch die Schauspieler selbst sollen während des Spiels aus dem Publikum herauskommen.

Jesus 3.0

Zwei andere Teams möchten die Handlung des Stückes in unsere Gegenwart versetzen. Die gebürtige Saarländerin Kai Anne Schumacher möchte im Walzwerk der Frage nachgehen, ob Jesus heute Anführer einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge sein könnte und der Trierer Michael Gubenko möchte seinen „Jesus 3.0“ in den Strudel unserer modernen, aufgehetzten Gesellschaft setzen.

Nach einer jeweils zehnminütigen Präsentation müssen sich die Teilnehmer-Teams auch den Fragen der Jury stellen. Soll das Musical in deutscher Übersetzung oder auf Englisch gespielt werden und musikalisch von einer Band oder einem Orchester unterstützt? Die Fragen klingen simpel, müssen aber mit viel Bedacht von den Teams beantwortet werden, da der Gesamteindruck des Stückes stark von diesen Entscheidungen abhängig ist.

Green-Screen-Studio mit Projektion der Hinterbühne. Foto: Martin G. Berger/Sarah-Katharina Karl

Green-Screen-Studio mit Projektion der Hinterbühne. Grafik: Martin G. Berger/Sarah-Katharina Karl

Eine Bühne und ein Nachrichtenstudio

Durchsetzen kann sich schließlich Martin G. Berger. Er hat sich für das Orchester und eine Aufführung in Englisch entschieden. Eine Bühne reicht für seine Inszenierung nicht aus, der Regisseur aus Hannover möchte im Walzwerk gleich zwei sich zusammenliegende Bühnen mit Zuschauerrängen aufbauen. Ein riesiger Green Screen, auf dem die Haupthandlung spielt und eine Hinterbühne, auf der die Darsteller sich für den Auftritt auf der anderen Seite vorbereiten. Beide Bühnen werden über eine Leinwand verfügen, auf welche die Handlung der jeweils anderen Bühne projiziert wird. Zudem können auf den Green Screen, ähnlich wie in Nachrichtenstudios, digitale Inhalte eingesetzt werden, die auf den Leinwänden zu sehen sind. Michael G. Berger möchte hiermit ein Phänomen darstellen, das jedem kritischen Nutzer sozialer Medien allzu bekannt sein sollte: „Was ist falsch im Echten und echt im Falschen?“.

Trotz des sehr hohen technischen Aufwandes entscheidet sich die Jury, die neben Karl Sibelius aus Malte C. Lachmann (Regisseur von „Rent“), Cusch Jung (Regisseur an der Musikalischen Komödie Leipzig) und dem Trierer Musical-Ensemble (Carin Filipcic, Christopher Ryan, Sidonie Smith und Norman Stehr) besteht, ohne große Debatten und in direkter Übereinstimmung für die Inszenierung von Michael G. Berger.

Hinterbühne mit Projektion in Video-Clip-Optik per Keying-Effekt aus dem Green-Screen-Studio Bild: Martin G. Berger/Sarah-Katharina Karl

Hinterbühne mit Projektion in Video-Clip-Optik per Keying-Effekt aus dem Green-Screen-Studio Bild: Martin G. Berger/Sarah-Katharina Karl

Einblicke in das sonst verborgene

Es ist schade, dass nur eine der vier vorgeführten Ideen inszeniert werden kann. Damit alle Produktionen gezeigt werden können, wäre ein kurzfristiger Neubau von drei Theatern in der Stadt Trier eine Lösung. Der Wunsch, dass sich Veranstaltungen wie der Musical Award in ganz Deutschland durchsetzen, ist jedoch realistischer. Karl Sibelius verfolgt mit der Ausschreibung des Preises das Ziel, das Genre Musical, das in der Theater-Landschaft oft nur ein Randdasein fristet, stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Der Trierer Intendant ist mit der Veranstaltung noch über sein Ziel hinausgeschossen. Er konnte nicht nur einen stärkeren Fokus auf das Genre Musical setzen, sondern auch einen Einblick in die Theaterwelt hinter dem Vorhang ermöglichen, die dem Publikum sonst verborgen bleibt.

Artikel: Raphael Zingen

Ein Prost auf den Erfolg! Die Jury mit dem Gewinnerteam: v.li.n.re. Cusch Jung (Oberspielleiter der Musikalischen Komödie Leipzig), Christopher Ryan, Sidonie Smith (jew. Musical-Ensemble Trier) Malte C. Lachmann (Regisseur (u.a. RENT in Trier)), Sarah-Katharina Karl (Bühnenbild des Gewinnerkonzepts), Martin G. Berger (Regisseur des Gewinnerkonzepts), Dr. Karl M. Sibelius, Carin Filipčić, Norman Stehr (jew. Musical-Ensemble Trier) Foto: Theater Trier

Ein Prost auf den Erfolg! Die Jury mit dem Gewinnerteam: v.li.n.re. Cusch Jung (Oberspielleiter der Musikalischen Komödie Leipzig), Christopher Ryan, Sidonie Smith (jew. Musical-Ensemble Trier) Malte C. Lachmann (Regisseur (u.a. RENT in Trier)), Sarah-Katharina Karl (Bühnenbild des Gewinnerkonzepts), Martin G. Berger (Regisseur des Gewinnerkonzepts), Dr. Karl M. Sibelius, Carin Filipčić, Norman Stehr (jew. Musical-Ensemble Trier) Foto: Theater Trier

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