FACK JU SCHULE? WER HEUTE NOCH LEHRER WIRD.

20 Mai
Foto: Privat

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von Gregor Klimaasch

Eine Felswand in der Nähe von Trier an einem sonnigen Nachmittag in Mai 2014. Ein 2 Meter großer Student kämpft sich gerade durch die sogenannte „Hurenfurche“. Die Handgriffe sind geübt, die meiste Arbeit übernehmen die kräftigen Beine. Linker Fuß platziert, rechter Fuß steht fest, der linke Arm hält sich ausgestreckt an einer kleinen Kante fest und der rechte sucht einen ähnlich guten Halt weiter oben. Doch dann rutscht der linke Fuß ab und der Kletterer hängt einen halben Meter tiefer im Seil. Ein lautes „Fuck!“ hallt an der Felswand entlang.

Gerufen wurde es von Jan-Marco Reiners. Die langen, blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein Tattoo von Super-Mario schmückt die Schulterblätter, eine Lederjacke hängt in seinem Schrank und gut 120 Vinyl-Platten von „Iron Maiden“, „Slayer“ und Co. stehen im Regal. All das macht den angehenden Lehrer, der im sechsten Semester Deutsch, Geschichte und Geographie an der Universität in Trier studiert, aus.

Einige Versuche später hat er die Wand bezwungen. Schwer atmend und mit einem Lächeln auf den Lippen steht er wieder auf festem Boden.

Das Klettern ist nur eines seiner Hobbies. Auch für Segeln, Wandern und Gitarrespielen nimmt er sich Zeit: „Immer wenn es geht.“ Dabei spricht er auch von Pen-and-Paper-Rollenspielen: „Auch das hilft dir im Unterricht. Die Charaktere sollen ja, wie die Schüler, von A nach B kommen.“ Er zeichnet Anfangs- und Endpunkt seiner fiktiven Reise mit dem Zeigefinger auf seine Handfläche. „Du musst dich fragen, wie du es hinkriegst, dass die Schüler auf diesen Weg kommen, ohne, dass sie das Gefühl haben, dass du ihnen alles nur vorkaust.“

Zwei bis drei Semester wird er wohl über die Regelstudienzeit hinaus in Trier studieren. Erst letzte Woche, erzählt er, habe er eine Hausarbeit gerade noch am letzten Tag vor der Abgabefrist fertig gestellt und abgegeben. Sein einziges Ziel sei es, zu bestehen. „Vier gewinnt“, sagt der angehende Lehrer, während sich Lachfalten um seine Augen bilden und er an der Wand nach der nächsten Herausforderung sucht.

Gut zwei Monate zuvor. Jan-Marco steht im Rahmen seines Praktikums vor der elften Klasse eines Trierer Gymnasiums. Er legt ein Bild auf, das die heilige Maria mit den französischen Nationalfarben als Flechtband im Haar und einem großen Füllhorn in der Hand zeigt. Schweigend wartet er, sagt nichts, nickt nur ab und zu auffordernd einigen Schülern zu, bis sich ein junger Mann zu Wort meldet: „Ja, das ist wohl irgendeine Heilige als Statue und es geht wohl um Kolonisation.“ Als der Schüler den Satz beendet, nimmt Jan-Marco in einer plötzlichen Bewegung seine Federmappe und wirft sie – gespielt, wie sich später herausstellt – wutentbrannt in die Ecke. „Was, du weißt nicht, wer die heilige Maria ist?“, ruft er laut. Dann ist es eine Weile still. Alle Augen der Klasse ruhen verdutzt auf dem Praktikanten. „Und dann hat er auf einmal angefangen zu reden und hat einfach nicht mehr aufgehört“, sagt Jan-Marco und sein rechter Mundwinkel zieht sich nach oben. „Es klappt irgendwie, wenn man unorthodox wird, wenn man die Leute schockt oder überrascht.“ Seiner Meinung nach ist es vor den Schülern wie auf einer Bühne.

Auch viele seiner Kommilitonen entsprechen nicht dem Archetyp des strengen Lehrers mit Anzug und Krawattennadel: Darunter ein Barkeeper, der Hip-Hop hört und dessen Hose fast in den Kniekehlen hängt, ein Comic-Fan, der regelmäßig im Campus-Radio zu hören ist und der Frontmann einer Hardcore-Band. „Du brauchst ein Alleinstellungsmerkmal, wenn du an einen bestimmten Ort willst“, sagt Jan-Marco, der gerne an eine Schule in der Nähe der Küste möchte.

Einen starken Kontrast bieten er und seine Freunde so zu den „formlosen Gestalten“, wie er sie nennt. „Man braucht Lehrer mit einem Leuchten in den Augen.“ Jan-Marco kneift kurz seine Augen ein wenig zusammen und guckt in die Ferne. Dann wieder zu mir: „Oh Gott, das war ja richtig romantisch ausgedrückt.“

Romantisch sind vielleicht auch seine jetzigen Vorstellungen vom Schulalltag. Vorsichtig versucht er realistisch zu bleiben: „Es kann auch sein, dass ich irgendwann mal in eine Resignationsphase falle. Aber ich will es nicht hoffen.“ Dann will er wieder in die Wand.

Ob man wahnsinnig sein muss, um heutzutage Lehrer zu werden, möchte ich noch wissen. „Es passt gut in meine Theorie. Du musst schon ein bisschen selbstzerstörerisch-wahnsinnig sein, weil du keine Angst davor haben darfst, der Depp zu sein. Denn als Lehrer bist du immer der Depp.“

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