Gyatso darf nicht reisen

20 Jan

von Horst Peter Robiller

Wäre ich nicht Teil dieser Geschichte , würde ich sie nicht glauben. Hätten Sie mich vor

Foto: Privat

Foto: Privat

diesen Ereignissen gefragt, wo so etwas möglich ist, hätte ich auf die ehemalige DDR, Kuba oder China getippt. Das aber Deutschland die überraschende Negativrolle spielt, hätte ich nie gedacht. Im Sommer 2013 waren viele Vorbereitungen für eine Reise getroffen worden. Aber daraus wurde nichts – mein Freund Gyatso durfte nicht reisen.                                 Deutschland, genauer gesagt, die deutsche Vertretung in Indien, die Botschaft in Neu Delhi, verweigerte das Visum. Was eine normale Reise werden sollte, ist jetzt eher eine sich für uns dahinziehende schlechte story.

 

Gyatso aus Indien                                                                                                                  Gyatso ist 27 Jahre alt, singel (spielt noch eine Rolle) und lebt mit seiner Großfamilie im nördlichsten Teil Indiens, in der Himalaya Region Ladakh, Distrikt Jammu & Kashmir auf 3500 m Höhe. Er ist Lehrer, spricht fließend Englisch und leitet in der Sommersaison Bergtouren in seiner Heimat. Wie über 80 % der Bevölkerung sind auch Gyatso und seine Familie Buddhisten. Leh ist die Hauptstadt und gleich 10 km entfernt hat seine Heiligkeit, der Dalai Lama, eine Sommerresidenz. Die Ladakhis sind tief gläubige Menschen und freundlich, sehr höflich, offen und haben viel Humor. Ich durfte diese Menschen kennenlernen und es entstand in den letzten drei Jahren als ich zu Gast in Ladakh war, eine Freundschaft mit Gyatsos Großfamilie. Sie hatten mir in ihrer Heimat nicht nur die herrliche Landschaft und Kultur näher gebracht, sondern ich lernte die Menschen kennen und auch einige erstaunliche internationale Projekte. Dann hatte ich bereits letztes Jahr Gyatso nach Deutschland eingeladen.

Erste Kontakte zur deutschen Botschaft in Neu Delhi                                                             Als ich 2013 noch in Ladakh war, telefonierte ich mit Neu Delhi und wollte mit Gyatso persönlich dort erscheinen, um die notwendigen Formalitäten für ein Visum zu klären. Antwort der Botschaftsmitarbeiterin: „Das ist nicht gewollt, geht nicht“. Diese Reaktion verstand ich nicht, da ich doch als Gastgeber im Visaverfahren involviert bin. Aber gut. Wenige Wochen später war ich zurück in Deutschland und bereitete für Gyatsos Besuch alles vor, einschließlich der Zusendung aller Unterlagen an Gyatso für das Visum (die Post in die entlegene Himalaya Region benötigt übrigens 3-4 Wochen). Dazu gehört u. a. eine persönliche schriftliche Einladung, eine Referenz über mich/meine Familie plus Nachweis unseres Einkommens und der Verpflichtung zu Unterbringung und Verpflegung etc. etc. Gleichzeitig schloss ich alle notwendigen Versicherungen für Gyatso ab. Sowieso musste ich schriftlich für alle Eventualitäten die Verantwortung übernehmen. Im August reiste Gyatso nach Neu Delhi, um bei der deutschen Botschaft das Visum für Deutschland zu bekommen.                                                                                              Hierzu sollte man wissen, dass eine Reise von Ladakh nach Neu Delhi extrem teuer, zeitinten-siv und aufwendig ist. Entweder einen teuren Flug oder eine 2 tägige Busreise über die höchsten Pässe der Welt (über 5000 m) plus die Übernachtungen und viele weitere Kosten in Neu Delhi. Ein Visum per Post zu beantragen, ist bei der deutschen Botschaft nicht möglich, zu einem „Interview“ muss man persönlich mit Unterlagen erscheinen.

Die deutsche Botschaft lehnt den Visumantrag ab.                                                                      Ich war schon in Deutschland, als der erste Visumantrag gestellt wurde. Der wurde abgelehnt, was soweit nicht tragisch gewesen wäre, wenn nicht die Begründungen so unnachvollziehbar und die folgenden Kontakte so unkooperativ gewesen wären. Weder meine erste e-mail an die deutsche Botschaft in Neu Delhi, noch eine zweite e-mail wurde beantwortet. Dann folgten einige Telefonate nach Delhi. Eine Äußerung des Mitarbeiters der Botschaft war deutlich: „Egal ob ein Visum für einen Tag oder 30 Tage erteilt wird, wenn derjenige in Deutschland ist, besteht die Möglichkeit das er bleibt“. Als nach den vielen Telefonaten, weiteren Unterlagen für Gyatso, einer weiteren Wartezeit und einem erneuten Interview beim zweiten Antrag wieder kein Visum erteilt wurde, war dies nicht mehr nachvollziehbar. Gyatso beschrieb das zweite Interview mit: „das ist eine komplette Ignoranz und Missverständnis in der Visa Abteilung der deutschen Botschaft Neu Delhi“, „die wollen mir eigentlich niemals ein Visum geben, nie, egal was ich vorlege“ Gegenüber Gyatso äußerte die Botschaftsmitarbeiterin sogar „er sei ja kein Inder“. Überhaupt führten sich unsere „deutschen Vertreter im Ausland“ auf wie Verwaltungsangestellte mit dem Hang zur Amtsanmaßung und Eigenmächtigkeit mit einer Mischung von Ignoranz und Willkür.

Der zweite Visumantrag                                                                                                          Für den zweiten Visumantrag hatte Gyatso zum Interview 16 !!! Unterlagen eingereicht (z. B. auch eine Flugreservierung). Allein für den Nachweis, das Gyatso überhaupt Inder ist und seine Familie Ladakhis sind, drei verschiedene Identitätsnachweise. Ich konnte das alles nicht glauben ! Gyatso war nun schon fast zwei Monate in Neu Delhi, weil alles dauerte und verzögert wurde. Im September fiel inzwischen der erste Schnee auf die hohen Himalaya Pässe nach Ladakh, bald war auf dem Landweg kein Durchkommen mehr. Gyatso erhielt keine vernünftigen Antworten von der Botschaft. Ich führte wieder viele Telefonate mit Delhi und dann auch mit dem auswärtigen Amt in Berlin. Man wollte mir keine Auskünfte geben und ich musste mir noch eine Einverständniserklärung von Gyatso zumailen lassen, das ich mich überhaupt in dieses Visumverfahren einbringen durfte. Sowohl Gyatso als auch ich gingen dann wegen der zweiten Ablehnung des Visums in den schriftlichen Widerspruch.

Das Auswärtige Amt in Berlin                                                                                         Gleichzeitig schrieb ich eine Beschwerde an das Auswärtige Amt in Berlin, die disziplinarisch vorgesetzte Behörde der Botschaften im Ausland. Einschließlich aller Visum-Unterlagen und einer Kopie des schriftlichen Widerspruchs von Gyatso waren es 20 Seiten. Darin beschrieb ich auch das Verhalten der Botschaftsangestellten und die wohl „rassistischen Äußerungen der Mitarbeiter“ gegenüber dem „Nicht-Inder“ Gyatso. Aber auch darauf habe ich bisher keine Antwort erhalten. Ich erhielt nur den „Remonstrationsbescheid“ mit der Rechtsbehelfsbelehrung zur Ablehnung des zweiten Visumantrags: „ gegen diesen Bescheid kann … Klage bei dem Verwaltungsgericht Berlin … erhoben werden“.

Ablehnungsgründe                                                                                                                  Die folgende Begründung zur Ablehnung des Visums lautete: „Die Botschaft konnte deshalb keine ausreichende und familiäre Verwurzelungen von Herrn Gyatso feststellen,“ und Gyatso würde „eine Bonität vorzutäuschen, die tatsächlich nicht gegeben ist“. Die Geldrücklage, die Gyatso besitzt und nachwies reichte für ein 70 tägiges ! Visum, aber selbst ein 30 tägiges Visum wollte nicht gegeben werden. Wie sagte der Mitarbeiter in der deutschen Botschaft in Delhi am Telefon zu mir: „Für einen Millionär ist das kein Problem“. Und wie sagte dann ein indischer Freund: “ Junge Leute will Deutschland nicht einreisen lassen weil die evtl. da bleiben. Und Singles (= Gyatso) erst recht nicht, wegen unterstellter Heirat.“                   Gyatso schieb u. a. in seinem Widerspruchschreiben: „das Sie (die Botschaft, Visum Abteilung) noch nicht mal wissen wo Leh in Ladakh ist. Die Leute im Visa Büro bezeichnen uns Ladakhis als nepalesische oder tibetische Flüchtlinge. Wir sind permanente indische Bürger und eine der ältesten Völker Nordindiens mit einer wunderbaren Tradition und Kultur.“ Und „.. ich bin nicht reich und bin den ganzen Weg von Ladakh nach Delhi gereist und habe schon sehr viel Geld ausgegeben, bevor ich in der Lage bin Deutschland zu besuchen.“ Gyatso war das jetzt zu viel, es wurde Winter, er reiste zurück zu seiner Familie.

Armutszeugnis                                                                                                                       Genau zu diesem Zeitpunkt habe ich mich für mein Land richtig geschämt. Was für ein Eindruck hinterlässt diese unsere Deutschlandvertretung im Ausland ? Eine Verwaltung, die meine und unsere Interessen in Indien vertritt ? Deutschland ein Land, welches Freiheiten, Sozialverhalten und Menschenrechte propagiert aber nicht einhält? Ich darf diese Frage aus dem Mund indischer Freunde beantworten: Ein Armutszeugnis für Deutschland !

Im März/April diesen Jahres wird Gyatso wieder ein Visum beantragen – alles noch einmal – .

Mein Wusch: Soll das Auswärtige Amt Berlin mal eine Stellungnahme oder Gegendarstellung schreiben – am besten gleich hier an dieser Stelle – in einer der nächsten Ausgaben.

 

Horst – Peter Robiller

 

 

 

 

 

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *