„Ich erlebe Trier als offen.“ – Interview mit Oberbürgermeister Wolfram Leibe

16 Mai

DSC_5493Herr Leibe, sie sind nun seit knapp einem Monat im Amt. War die Flüchtlingspolitik bis jetzt ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit?

Ich hatte bis jetzt zwei Stadtvorstandssitzungen unter meiner Leitung. In beiden Sitzungen haben wir alleine zu diesem Thema über eine halbe Stunde gesprochen. Bisher musste die Stadt Trier selber keine Flüchtlinge aufnehmen, da wir die Landeserstaufnahmeeinrichtung haben. Künftig werden wir aber 40 bis 50 Flüchtlinge pro Monat aufnehmen müssen und hierfür gilt es einiges vorzubereiten. Insbesondere ist die Wohnungsfrage für uns eine Kernfrage.

Der normale Wohnungsmarkt ist in Trier bereits sehr angespannt, zur Zeit stehen auch nicht viele Turnhallen zur Verfügung. Wird die Stadt es schaffen genug Wohnraum für die Flüchtlinge bereit zu stellen?

Ja, das müssen wir hinkriegen. Für eine Stadt mit fast 110.000 Einwohnern muss es möglich sein, pro Monat 40 bis 50 Flüchtlinge unterzubringen. Deshalb fährt Frau Birk, die zuständige Dezernentin, eine zweigleisige Strategie. Wir suchen, was am idealsten ist, private Vermieter, die uns ein Angebot machen. Parallel dazu versuchen wir aber auch an zwei Standorten in der Stadt, idealerweise in West und Ost, größere Unterkünfte auszubauen, damit wir keine angekommenen Flüchtlinge in Hotels unterbringen müssen.

Wie sieht es mit der weiteren Integration der Flüchtlinge aus? Sollten Sprachkurse und Berufsfortbildungen von der Stadt oder einer zentralen Bundesbehörde koordiniert werden? Sie waren selber lange Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Trier, einer Behörde, die für diese Aufgaben in Frage kommen könnte.

Ich weiß nicht, ob eine zentrale Behörde das Richtige ist. Ich glaube, in dem Bereich sollten wir sehr dezentral arbeiten. Was mir aber sehr wichtig ist, ist die Finanzausstattung, die wir dafür brauchen. Da würde es schon helfen, wenn der Bund bereits frühzeitig, ohne Klärung des Status der Flüchtlinge, die Verantwortung übernimmt und Sprachkurse entweder selbst anbietet oder uns finanziert. Integration ist sowohl eine soziale Integration aber primär natürlich auch eine Sprachintegration. Wir wissen alle, dass auch ein gut gebildeter Mensch zumindestens ein Jahr braucht, um ein Sprachniveau von B1 zu erreichen, für B2 braucht man in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Das sind die wirklichen Investitionen zur Integrationsvorbereitung.

Arbeiten Sie in diesen Bereichen auch mit den zahlreichen ehrenamtlichen Organisationen zusammen, die sich in Trier der Unterstützung der Flüchtlinge verschrieben haben?

Ja. Ehrenamt ist entscheidend und Ehrenamt heißt, dass man sich auch im Rahmen der nachbarschaftlichen Betreuung um die Menschen kümmert. Deshalb werden Ende nächster Woche auf unserer Homepage Namen von Ansprechpartnern veröffentlicht, damit Bürgerinnen und Bürger, die Interesse an einem auf die Flüchtlinge bezogenen Ehrenamt haben, sich hier melden können. Bisher läuft die Kommunikation sehr stark, was auch gut ist, in Richtung der vom Land getragenen Erstaufnahmeeinrichtung. Es ist natürlich auch ein bisschen schwierig den Bürgerinnen und Bürgern zu erklären, dass mehrere hundert Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen in Trier leben, wir als Stadt davon aber noch einmal eine besondere Verantwortung für die 40 bis 50 Flüchtlinge, die uns direkt zugewiesen werden, übernehmen müssen.

Allerdings müssen nicht nur die Flüchtlinge integriert werden, in der Bevölkerung gibt es auch noch Vorurteile und Ressentiments gegenüber unseren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Kann die Stadt auch hier Programme zur Aufklärung anbieten?

Ich denke, dass wir immer wieder erklären müssen, warum die Flüchtlinge da sind. Falls es Probleme gibt, müssen wir auch immer wieder erklären, dass sie aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen. Aber ich erlebe Trier als offen. Dass es auch ein paar wenige gibt, die das versuchen zu instrumentalisieren, ist schade. Aber so sind die Realitäten. Ich gucke lieber zur Mehrzahl der Bevölkerung die sagt, wir sind weltoffen und wir wollen, dass die Menschen hier in Sicherheit sind.

Können sie schon eine Vorhersage über die Entwicklung der Trierer Flüchtlingspolitik in einem Jahr machen?

Für mich wäre es klasse, wenn wir in einem Jahr noch mehr Wohnungen hätten, also noch mehr Wohnungen von Privatleuten gemeldet bekommen. Und, dass wir in einem Jahr neben der ehrenamtlichen Arbeit auch eine professionelle Struktur aufgebaut haben, damit wir den Menschen, die zu uns kommen zeigen können, dass sie willkommen sind und dass wir uns kümmern.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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