„Ich stelle mein Talent nicht über das von Anderen.“ – Interview mit Michelle Barthel

20 Mai

Filmschauspieler – für viele einer der Traumberufe schlechthin. Allerdings auch ein Beruf, über dessen Arbeitsalltag nur sehr wenig bekannt ist und über den viele falsche Vorstellungen kursieren. Wir haben uns in Berlin mit der Jungschauspielerin Michelle Barthel getroffen und uns mit ihr über ihren Werdegang sowie ihre Arbeit abseits des roten Teppichs unterhalten. Die 1993 geborene Münsteranerin steht bereits seit ihrem neunten Lebensjahr vor der Kamera und hat seitdem in vielen Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, alleine im „Tatort“ war die Grimme-Preisträgerin bereits vier Mal zu sehen. In „Spieltrieb“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh, übernahm Michelle im letzten Jahr ihre zweite Hauptrolle in einem Kinofilm.

(nu): Michelle, schön, dass du Zeit gefunden hast. Du hast vergangenes Jahr im Film „Spieltrieb“ deine erste große Hauptrolle auf der Kinoleinwand gespielt. Wie hast du diesen Weg so ganz ohne berühmte Eltern oder Verwandte geschafft?

Michelle: Im Alter von acht Jahren war ich in einer Kindertheatergruppe bei uns im Dorf und habe auch sonst ganz viel Theater gespielt. Irgendwann bin ich ganz zufällig mit einer Freundin zu einem Fotokatalog-Casting gegangen.

(nu): Heidi Klum lässt grüßen?

Michelle: Nein, das war einfach so ein Massen-Casting von ganz vielen Kindern. Dort wurden Fotos von uns gemacht und wir mussten einen Steckbrief ausfüllen. Ich habe unter Hobbys „Theater“ angegeben. Die sind dann auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich nicht Lust auf ein Film-Casting hätte. Nachdem meine Eltern und ich lange darüber nachgedacht hatten, bin ich einfach dahin gegangen, ich hatte ja nichts zu verlieren. Bei dem Casting war ich schließlich die Einzige, die sich getraut hat, den Jungen zu küssen. Darüber bin ich bei einer Agentur gelandet, die mich dann lange vertreten hat.

(nu): 2002 hast du zum ersten Mal in einem Kinofilm mitgespielt. Wie ging es danach weiter?

Michelle: Ja, das war der Kinderfilm „Der zehnte Sommer“, anschließend habe ich noch in einer ZDF-Serie mitgespielt. Danach hatte ich vier Jahre lang gar nichts gemacht und das Ganze schon fast vergessen und eigentlich wieder losgelassen. Doch dann bekam meine Mutter eine E-Mail von meiner Agentin, ob wir nicht eine Dreijährige kennen, die in einem Film mitspielen könnte. Wir kannten zwar kein Mädchen für die Rolle, doch als meine Mutter sich die Filmographie für „Keine Angst“ durchlas fragte sie, ob die Hauptrolle schon besetzt sei. Ich würde dafür ganz gut passen. Wir sollten sofort aktuelle Bilder schicken und haben um 6 Uhr kurz vor der Schule Fotos gemacht. Ich war noch total verschlafen, aber das hat wohl super zur Rolle gepasst, weil ich in dem Film ein Mädchen spiele, das aus sozial schwachen Verhältnissen kommt. Ich wurde zum Casting eingeladen und habe die Rolle bekommen. So bin ich durch einen Zufall wieder reingekommen. Der Film bekam dann auch sehr viel Aufmerksamkeit.

(nu): Nicht nur der Film sondern auch du bekamst sehr viel Aufmerksamkeit und wurdest für die Darstellung von Becky in „Keine Angst“ mit vielen Preisen ausgezeichnet. Stand danach auf einmal eine Schlange vor deiner Agentur?

Michelle: Eine Schlange stand da ganz sicher nicht, aber natürlich haben mich diese Preise und der Film zu dem gemacht, was ich jetzt so langsam werde.

(nu): Wie bekommt man eigentlich eine Filmrolle?

Michelle: In der Regel steht am Anfang von einem Film immer ein Drehbuch. Das wird an Caster weitergeleitet, die passende Schauspieler für die Rolle suchen. Wenn ich passe, bekomme ich über meine Agentur das Drehbuch und eine Casting-Einladung.

(nu): Bei dem Wort „Casting“ muss man direkt an die ganzen Fernsehshows denken. Gibt es da Parallelen?

Michelle: Das hat damit wenig zu tun, man kommt in einen Raum rein und hat in den meisten Fällen auch einen Anspielpartner. Man stellt sich kurz vor. Mittlerweile habe ich das Glück, dass die meisten Leute mich aufgrund meiner Projekte schon kennen; oft habe ich bei ihnen auch schon einmal vorgesprochen. Man bekommt Szene und Räumlichkeiten kurz erklärt und spielt. Das Ganze wird von einer Kamera aufgezeichnet und der Regisseur, der bei dem Casting auch meistens anwesend ist, arbeitet mit einem. Man probiert verschiedene Varianten und man versucht herauszufinden, ob man miteinander arbeiten kann. Das dauert in der Regel so eine bis anderthalb Stunden. Eine Woche später bekommst du Bescheid, ob du die Rolle bekommen hast.

(nu): …und zwei Wochen später wird gedreht?

Michelle: Nein, so schnell geht das nicht. Wenn du die Rolle hast, finden zuerst einige Treffen statt. Man lernt sich erst mal kennen, dann musst du auch Recherchearbeit leisten, je nachdem wie komplex der Charakter ist, den man spielt.

(nu): Wie lange dauert diese Vorbereitungsphase?

Michelle: Das ist total unterschiedlich, je nachdem wie komplex die Rolle ist. Für mich ist es auf jeden Fall immer total wichtig das Drehbuch genau zu kennen, da nie chronologisch sondern immer wild durcheinander durch das Buch gedreht wird. Am ersten Drehtag spielst Du oft schon eine Szene aus der Mitte oder dem Ende. Für „Spieltrieb“ habe ich mich fast vier Monate lang vorbereitet.

(nu): In „Spieltrieb“ spielst du die Rolle von Ada, einer fünfzehn Jahre alten Schülerin, die alles andere als gewöhnlich ist. Wie würdest du sie beschreiben?

Michelle: Ada ist ein intelligentes, hochbegabtes, politisch sehr interessiertes Mädchen, die sich sehr von ihrem Umfeld abkapselt und sehr einsam in ihrer Welt lebt. Doch dann kommt Alev, ein sehr attraktiver junger Typ in ihre Klasse. Auf einmal erkennt Ada, dass sie und Alev sich auf intellektueller Ebene die Stirn bieten können. Sie ist fasziniert von seinem Auftreten; verliebt sich in ihn. Alev bringt Ada dazu ihren Deutschlehrer zu verführen und er filmt das Ganze. Sie gibt sich seiner Idee hin, um ihm zu imponieren und seine Liebe zu gewinnen.

(nu): Wie hast du dich dann auf die Rolle konkret vorbereitet? Bist du hochbegabt?

Michelle (lacht): Nein ich bin nicht hochbegabt, aber ich habe sehr viel gelesen, weil ich verstehen wollte, woher der gesellschaftliche Hass, das Abkapseln und die Einsamkeit von Ada kommen. Antworten habe ich in Sartre und Nietzsche, vor allem aber in Hess gefunden. „Die Verwandlung“ von Kafka fand ich auch unglaublich passend für Ada. So habe ich langsam ein Gefühl für sie entwickelt. Da Ada sehr viel läuft, musste ich mich auch auf das Physische vorbereiten. Damit ich in den Szenen gut durchalten konnte, hatte ich einen Personal Trainer. In Spieltrieb hatten wir auch noch eine ganze Woche Probe, das ist mittlerweile sehr selten. Hier konnten wir die Beziehungen zwischen Ada und den ganzen anderen Charakteren, insbesondere auch Höfi, dem Geschichtslehrer und Smutek, dem Deutschlehrer, einstudieren. Wir haben hier auch viele Fragen diskutiert, die weder im Drehbuch noch im Roman stehen und auch einige Szenen schon einmal trocken gespielt. Danach haben wir 34 Tage lang gedreht.

(nu): Die Dreharbeiten sind also schneller erledigt als die Vorbereitung. Was machst du nach dem Dreh?

Michelle: Ehrlich gesagt muss man erst mal ganz schön lange warten. Für mich ist es aber auch wichtig, nach einem Projekt erst einmal Zeit für mich zu haben, in der ich etwas ganz anderes mache und die Rolle wieder loslassen kann.

(nu): Fällt das Loslassen von einer Rolle manchmal schwer?

Michelle: Ja, es ist oft sehr schwer. Von manchen Rollen will man sich gar nicht mehr losreißen. Im Tatort Köln habe ich zum Beispiel ein burschikoses pubertäres Mädchen gespielt, das zwischen seinen Eltern im Rosenkrieg steht. Ich hatte zu der Zeit eine komplette Typveränderung. Meine Haare, die ich damals ganz lang trug, wurden für die Rolle zu einem Bob geschnitten und in einem dunkel lila Ton gefärbt. Dazu gab es richtig harte Klamotten. Man wächst in diese Rolle so richtig rein. Es hat sich toll angefühlt, so eine starke, wilde, laute Rolle zu spielen. Es hat lange gedauert, diese Rolle wieder loszulassen.

(nu): Wann siehst du den fertigen Film zum ersten Mal?

Michelle: Die ersten fertigen Szenen sieht man meistens beim Nachsynchronisieren. Hier werden Dialoge, die nicht so verständlich waren, noch einmal nachträglich eingesprochen. Bei „Spieltrieb“ war es so, dass wir den Film bereits vor dem Nachsynchronisieren zum ersten Mal komplett gesehen haben. Das ist immer ein bisschen merkwürdig, weil du in den Szenen immer die unterschiedlichen Drehtage erkennst, und dich zum Beispiel an die guten Nudeln erinnerst, die es an dem Tag gab oder daran denkst, dass du traurig warst, weil etwas Schlechtes passiert war. Man bekommt auch immer einen harten Spiegel vorgesetzt. Du siehst, wie du in den verschiedenen Momenten gehst, schaust und hörst dich sprechen und denkst dir oft nur „Was, so schaue ich, wenn ich das sage?“. Das ist so, wie wenn man seine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter hört und manchmal nur schwer auszuhalten.

(nu): Danach ist der Film aber fertig und der rote Teppich wird ausgerollt?

Michelle: Ja, und das ist alles sehr aufregend. Bei der Premiere sind immer ganz viele Leute, du siehst den Film auf einer großen Leinwand. Du gibst den Film aus deinen Händen, aus diesem sehr familiären Kreis des Teams und der Zeit, die man damit verbindet. Für Spieltrieb haben wir drei Monate lang in München gelebt, als wir den Film gedreht haben. Den Film danach los- und der Welt zu überlassen ist etwas ganz Besonderes.

(nu): Moment mal, „Spieltrieb“ spielt doch in Bonn?!

Michelle (lacht): Ja, es kommt aber auch darauf an, wo man die Fördergelder bekommt. Wir haben einen Drehtag in Bonn gehabt, da bin ich ein bisschen gelaufen. Sonst ist das alles fake.

(nu): Was folgt dann noch auf die Premiere?

Michelle: Anschließend geht man mit dem Film noch auf Kino-Tour und stellt ihn in verschiedenen Städten vor. Es ist immer toll, wenn man von dem Publikum, das den Film gesehen hat, ein direktes Feedback bekommt. Das ist eine tolle Erfahrung, weil man sich mit Leuten, die außerhalb des Teams sind, thematisch mit dem Film auseinandersetzten kann. Es ist auch ein unbeschreiblich schönes Gefühl auf Leute zu treffen, die von dem, was du getan hast, bewegt sind.

(nu): Wie bewegt ist eigentlich dein persönliches Umfeld von deinem Beruf? Die Hauptarbeit an „Spieltrieb“ hat nach deinem Abitur begonnen, du hast aber auch schon in etlichen Tatorten und anderen Fernsehfilmen mitgespielt, als du noch zur Schule gegangen bist. Wie wurde das von deinen Freunden und Klassenkameraden aufgenommen?

Michelle: Meine Freunde unterstützen mich immer super. Ich frage oft nach Rat, wenn es um eine Rolle geht. Wir setzen uns auch oft zusammen vor den Fernseher, wenn ein Film mit mir kommt, genau, wie wenn wir zur Aufführung gehen wenn jemand im Orchester spielt. Auch mit meiner Schule, einem bischöflichen Mädchengymnasium, hatte ich sehr viel Glück. Die hat uns Mädels in allem was wir gut konnten unterstützt. Du wurdest freigestellt um zu trainieren, wenn du gut reiten konntest, oder um dein Musikinstrument zu üben. Ich bin dort nie herausgestochen, habe meine Schauspielerei aber auch nicht zu einem großen Thema gemacht. Ich denke, dass jeder ein Talent hat und ich stelle mein Talent nicht über das von anderen.

(nu): Aber auf der Straße wirst du doch sicher immer wieder erkannt?

Michelle: Das begegnet mir witziger Weise immer wieder. Ich bin letztens mit Meinfernbus gefahren und ein Mädchen, das hinter mir einstieg war felsenfest der Überzeugung, dass sie mich schon einmal im Bus oder einer Mitfahrgelegenheit getroffen hatte. Ich sagte ihr, dass ich zum ersten Mal nach Stuttgart fahre. Sie meinte dann aber: „Doch! Deine Stimme kommt mir so bekannt vor!“. Ich habe auch einmal in einem Touristenladen gearbeitet. Neben der ständigen Frage „Ist das ihr Laden?“ begegnete mir auch einmal eine Dame. Die meinte dann: „Hey, sie sind doch die aus dem Tatort!“. Sie stupste dann auch ihren Mann an und meinte „Hey, Bernhard, guck doch mal, das ist die Schauspielerin aus den Tatorten!“. Er guckte mich dann nur ganz trocken an und sagte „Opfer, oder?“. Ich habe nur gemeint, dass ich öfters Menschen spiele, die ein bisschen bedürftig sind (lacht). Ich werde aber auch öfters in Clubs erkannt, wenn ich tanzen gehe.

(nu): Ansonsten „teilst“ du aber wenig mit deinen Fans und Zuschauern. Im Internet findet man außer deiner Agenturseite relativ wenig über dich, nicht einmal eine Facebook-Fanseite.

Michelle: Ich habe zwar einen privaten Facebook-Account, bin ehrlich gesagt aber auch nicht so fit was das angeht. Ich lebe diesen Fan-Kult auch nicht so. Es gibt auch Leute, für die ich mich begeistere, aber ich klicke mich nicht tausendfach durch Bilder. Ich kann mir auch einfach nicht vorstellen, dass es andere Menschen gibt, die sich dafür interessieren, in welche Restaurants ich gehe oder wo ich gerade bin. Außer vielleicht meine Mama (lacht).

(nu): Werfen wir zum Schluss doch noch einen Blick in die USA. Viele deiner jungen Kolleginnen haben nach dem Schauspiel eine Karriere als Musikerin gestartet. Könntest du dir das auch vorstellen?

Michelle: Ich bin Schauspielerin und das, weil ich es liebe, mich in andere Rollen zu versetzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle alles sind. Ich stelle mir das wie ein Haus mit ganz vielen Räumen vor. Und je nachdem, was für Impulse von außen auf uns treffen, betreten wir diese verschiedenen Räume. Das kann zum Beispiel eine menschliche Begegnung sein oder ein Vorfall. Wir entdecken diese Räume und gestalten und möblieren sie und kehren immer wieder dorthin zurück. Ich könnte mit Sicherheit eine Musikerin spielen, auch wenn das gesanglich nicht so gut wäre, aber ich möchte mich künstlerisch jetzt nicht anders ausleben. Meine Liebe gehört einzig und alleine der Schauspielerei.

(nu): Vielen Dank!

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