Kostenloskultur der Offline-Welt – oder: Didacta 2014

20 Mai

von Marcel Pringer

Auf der deutschlandweit größten Bildungsmesse, der Didacta, präsentieren sich jedes Jahr zahlreiche Verlage und IT-Firmen. Warum ausgerechnet Letztere auf einer Bildungsmesse zu finden sind und wie man sich so einen Besuch vorstellen kann, erklärt euch der folgende Artikel. Denn das Zentrum für Lehrerbildung charterte im März einen Bus zur Messe – wir fuhren mit.

 TRIER, STUTTGART. Früh. Verdammt früh. Das ist der erste Eindruck der Fahrt – um 7 Uhr morgens treffen sich immerhin 30 Lehramtsstudis, um in den Reisebus in Richtung Stuttgart zu steigen. Gut vier Stunden dauert der Trip in den Süden, bei weiteren vier Stunden Rückfahrt bleiben so um die 5 Stunden, um das große Messegelände neben dem Flughafen zu erkunden. Viele sind um die Uhrzeit noch müde, niemand weiß so richtig, was einen erwarten soll. Neugier als größte Motivation – zudem arbeiten einige der Mitreisenden neben dem Studium als Vertretungs- oder Nachhilfelehrer und hoffen auf das eine oder andere Schnäppchen.

Das erste dieser „Schnäppchen“ gab es bereits im Vorfeld der Fahrt – einige (private) Versicherungen präsentierten sich von der spendablen Seite, bat man doch kostenlose Didacta-Karten für studentische Besucher an. Jedoch verlangten diese im Austausch gegen die begehrten Tickets diverse persönliche Daten bis hin zur aktuellen Semesterzahl – und drückten den Interessenten auch noch ein Telefonat auf. Denn Lehramtsstudierende werden in der Branche immer noch als zukünftige Beamte – und damit als Cash-Cows – gesehen; dementsprechend wird man immer noch massiv umworben. Die stark verdüsterten Berufs- und Verbeamtungsaussichten für Lehramtsanwärter der meisten Fächer scheinen den Konzernen derweil noch nicht zu Ohren gekommen zu sein, die 8 Euro für die Karte konnten sich so viele sparen.

Angekommen in Stuttgart ist der erste Eindruck vor Ort dann doch anders als erwartet. Die Didacta-erfahrenen Besucher sind leicht zu identifizieren: Regelrechte Massen von Rollkoffer-ziehenden Menschen schieben sich an den einzelnen Ständen vorbei. Mit dem direkt benachbarten Flughafen hat das nichts zu tun, es sind keine Reisenden: Auf der Messe gibt es speziell auf Referendare und Lehrer zugeschnittene Angebote – vor allem wer sich vorab im Internet diverse Gutscheine ausdruckt, kann an den Ständen zahlreiche kostenlose Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien abstauben. Und auch sonst gibt es für die Zielgruppe reichlich Rabatte. Wer die alle einsacken will, muss mit Koffer kommen. Die Verlage selbst kalkulieren, dass die Rechnung für sie aufgeht. Denn vielleicht bewirbt ja einer der vielen Kofferschlepper später ein Buch auf seiner Fachkonferenz – wenn dieses darauf für eine gesamte Klassenstufe eingeführt wird, hat sich die Sache für die Verlage schon gelohnt.

Was der Messe dagegen fehlt, sind schlüssige pädagogische Konzepte. Den Ausstellern auf der Didacta geht es nämlich nicht so sehr um die Frage, wie Bildung in 10 oder 20 Jahren aussehen soll, sondern vornehmlich um Verkauf und Werbung von Schulbüchern. Wer also beispielsweise nach neuesten Trends in Sachen Hochbegabtenförderung, Integration oder Inklusion sucht, ist hier fehl am Platz. Tatsächlich lässt sich der Messe eher der Charakter einer Verkaufsveranstaltung für Bildungsprodukte zuschreiben.

Häufig sind diese weder besonders innovativ noch zukunftsweisend, stattdessen bringen die Verlage seit Jahrzehnten bewährte Konzepte an die Kundschaft. Gelegentlich funkt der eine oder andere Stand mit Lernsoftware zwischen die ansonsten – zumindest in vielen Hallen – homogene Schulbuchmesse. Zumal selbst bei den Softwareangeboten wirklich neue Konzepte rar gesäht scheinen. Lieber versucht man sich daran, altbekannte Lernprogramme oder gleich ganze Schulbücher von PC und Laptop auf das neue, nicht mehr ganz so große Ding zu übertragen: Den Tabletcomputer. Symptomatisch für das Selbstverständnis vieler Didacta-Besucher: Um die Stände der Schulbuchverlage steht man Schlange, bei den IT-Angeboten dagegen – wo es oftmals keine Geschenke gibt – dominiert gähnende Leere.

Während softwareseitig wie bei Schulbüchern mitnichten etwas wirklich Neues präsentiert wird, machte immerhin die Hardware einige größere Schritte. So dominieren in der Halle für „Neue Technologien“ traditionelle IT-Riesen wie Microsoft und zahlreiche Hersteller digitaler Whiteboards. Und diese prinzipiell auch nicht mehr neuen Geräte – nichts anderes als ein Tafel-Ersatz – haben es mittlerweile in sich. Nicht nur, dass deren Größe bereits der einer konventionellen Schultafel ebenbürtig ist. Auch die Funktionalität hat dank moderner Betriebssysteme wie Windows 7 ein Level erreicht, mit dem eine Bildungseinrichtung keinen großen Schulungsaufwand mehr für das Personal betreiben muss. Zumindest theoretisch. Auch gibt es bereits Komplettsysteme, bei denen Lehrer selbst die Anwesenheit ihrer Schüler über im Schulnetz eingeloggte Smartphones kontrollieren können. Passend dazu führt ein junger Lehrer am Stand eines Herstellers virtuose Präsentationen vor – seine eigene Schule gab keine Mittel für die Geräte frei, also kaufte er kurzerhand selbst ein Board für ca. 2500 Euro und stellte es in seine Klasse. Der König der Schule, wahrscheinlich. Selbst Technikskeptiker und ältere Herrschaften mit prallgefüllten Rollkoffern schauen dem jung-dynamischen Vertreter einer neuen Lehrergeneration mit offenen Mündern zu.

Nach 5 durchaus interessanten Stunden trifft sich die Gruppe wieder zur Heimreise. Müde und erschöpft haben einige tatsächlich ein paar Schnäppchen und kostenlose Bücher abgestaubt. Vor allem für jene, die nebenher bereits an Schulen unterrichten oder gerade auf dem Weg in ihr Referendariat sind, war der Trip lohnend. Für alle anderen stellte sich die Tour zumindest als interessanter Einblick in eine ziemlich durchkommerzialisierte – und in Zukunft deutlich technisiertere – Bildungswelt heraus. Wer jedoch etwas Neues über Entwicklungen in Didaktik oder gar Pädagogik erfahren möchte, sollte nicht zur Didacta fahren.

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