Leben aus der Tonne

20 Jan

von Sissi Stephan 

Über Zäune klettern und in Tonnen schlüpfen; „containern“ wird immer populärer

In Deutschland werden laut einer Studie der Universität Stuttgart 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Oft sind diese Lebensmittel noch nicht verdorben. Sie werden auf Grund von abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten weggeschmissen, oder weil die Ware nicht mehr ansehnlich genug für den Verkauf scheint.

Diese Entsorgung von noch genießbaren Produkten machen sich europaweit viele Menschen zu Nutze. Beim sogenannten „containern“ werden solche Lebensmittel aus den Containern der Supermärkte gerettet. Diese Container – Touren sind meist politisch motiviert. „Wir wollen auf die Lebensmittelverschwendung in Deutschland aufmerksam machen“ sagt Lisa, 21 aus Köln über ihre Motivation „containern“ zu gehen.

Sie ist eine von vielen Studenten, die sich gegen die Wegwerfgesellschaft wendet. Zum Beispiel werden viele Produkte weggeworfen die über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus sind. Jedoch bedeutet dies nicht, dass die Produkte nicht mehr genießbar sind. In Paragraf sieben des Gesetzestext steht: „(1) Das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Lebensmittels ist das Datum, bis zu dem dieses Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält.“ Somit ist schon gesetzlich festgehalten, dass das Produkt bis zu diesem Datum mindestens seinen Geschmack, Konsistenz etc. behält. Über dieses Datum hinaus ist dieses Produkt also bedenkenlos genießbar. Anders das Verzehrdatum. Dieses Datum gibt an, bis wann ein Produkt ohne gesundheitliche Risiken verzehrt werden kann. „ Wir wollen die Menschen für diese Feinheiten sensibilisieren und zum nachdenken anregen. Vielen Menschen scheint dieses Unterschied nämlich gar nicht bewusst.“

Beim „containern“ betreten die Aktivisten eine Grauzone. Auch wenn die Märkte die Waren weggeschmissen haben, gehören sie rein rechtlich immer noch dem Betrieb. Das Sammeln von Produkten aus diesen Containern ist somit meist strafbar und kann als Diebstahl angezeigt werden. Oft werden auch Zäune um die Container herum aufgezogen um die Aktivisten fern zu halten. „ Es scheint mir doch paradox, dass es illegal ist Müll zu sammeln. Die Lebensmittel werden doch sowieso entsorgt, warum dann dieses Querstellen? Dann sollten sich die Betriebe besser andere Konzepte überlegen, wie man mit diesen Lebensmitteln verfahren soll. Wegschmeißen scheint mir hier die schlechteste Lösung.“

Tatsächlich gibt es Betriebe, die Produkte die nicht mehr so ansehnlich oder dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen sind, billiger verkaufen. Jedoch besteht hier die Sorge, dass dies dazu führen könnte, dass die Kunden die Produkte gezielt erst dann kaufen, wenn sie reduziert wurden. Ob dieser Fall wirklich eintreten würde ist allerdings fraglich. Statistiken zeigen, dass nicht nur die Betriebe viele Lebensmittel wegschmeißen, sondern vor allem die Privathaushalte. 61% der 11 Millionen Tonnen Lebensmittel werden im Privathaushalt weggeworfen.

„Mit dem „containern“ wollen wir nicht nur auf die Richtlinien der Betriebe verweisen, sondern ganz besonders jeden Einzelnen und sein Kaufverhalten ansprechen. Die meisten Lebensmittel werden für die Tonne gekauft. Wir brauchen dringend ein Umdenken in dieser gnadenlosen Wegwerfgesellschaft!“ Dieser Boykott der kapitalistischen Volkswirtschaft führt Lisa inzwischen schon so weit, dass sie gar nicht mehr einkaufen geht. „Ich mache seit zwei Wochen einen Selbstversuch. Ich ernähre mich nur noch von dem, was ich beim „containern“ finden konnte. Ich finde zwar nicht immer das was ich gerne möchte, aber mit ein bisschen Flexibilität lässt sich doch immer noch etwas daraus zaubern.“

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