Orchideenfächer

4 Dez

von Andrea Mörschel 

Jeder kennt Orchideen: Sie sehen gut aus, benötigen viel Aufwand und Pflege und haben keinen praktischen Nutzen. So wie die sogenannten Orchideenfächer, also Studiengänge, die so ausgefallen und rar sind, dass sich für Otto Normalstudent auch erst mal kein konkreter Nutzen daraus ziehen lässt. Als Orchideenfach bezeichnet man eben jene Studiengänge, die an einer Uni mit höchstens drei Professuren vertreten sind oder wenn man sie an weniger als zehn Prozent der deutschen Hochschulen studieren kann.

Beispiele dafür gibt es mittlerweile allein in Deutschland eine ganze Menge. Die Zeiten sind längst vorbei in denen man hauptsächlich zwischen den Hochschulklassikern Medizin, Lehramt, BWL und Jura gewählt hat.

Heutzutage darf es eben gern auch mal ein bisschen ausgefallener sein. Die Studiengänge werden zunehmend differenzierter, die Bezeichnungen detaillierter – oft genug aber leider nicht in Deutsch. Es gibt eine nicht zu verachtende Menge an neuen Studiengängen die sich schmissiger Bezeichnungen wie „Horticultural Science“, „Integrated Urbanism and Sustainable Design“ und „Photonics“ erfreuen. Durchaus einleuchtend, Deutsch ist ja auch langweilig und irgendwie bieder. Sozusagen der Schachclub unter den Sprachen. Englisch dagegen ist cool, hip, sprüht nur so vor Jugend und Dynamik. Da war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Englisch das fade Schachclub-Deutsch mit dem Kopf ins Klo untertaucht.

Aber hat der Coolnessfaktor der Bezeichnung einen so entscheidenden Einfluss auf die Studienauswahl? Ich frage mich jedenfalls wie man dazu kommt, ein Orchideenfach zu studieren. Bei der Fülle an Studiengängen die über die deutschen Abiturienten hinwegrollt, ist es vielleicht kein Wunder dass man ein wenig überfordert ist und auch mal tiefer nach interessanten Fächern gräbt. Viele Studenten haben es ja selbst mitgemacht: Da hat man Abi und eine ungefähre Vorstellung davon, welche Tätigkeit man sich nachher zum Brötchen verdienen vorstellen könnte. Aber dann setzt man sich an den Laptop und googelt Studiengänge. Viele, viele Studiengänge. Und rutscht immer weiter hinab in einen Strudel aus undurchdringlichem und unverständlichem Wirrwarr; man googelt die Übersetzung für Studiengänge um anschließend die Inhalte des Studiengangs googeln zu können. Und vielleicht passiert es dann, dass man plötzlich bei Assyrologie landet. Oder Thaiistik – weil der letzte Urlaub so schön war. Für alle dadraußen, die BWL oder Mathe oder Jura studieren und das Gefühl nicht aus erster Hand kennen: Das ist halt in etwa so, als ob man bei Youtube einen Songtitel sucht und sich irgendwann bei Katzenvideos wiederfindet. Keiner weiß so genau wie man hingekommen ist, aber man bleibt irgendwie daran hängen.

Die ganze Exotik hat ja schließlich auch seinen Reiz. Warum sollte man auch sein nach jahrelangem Pauken erhaltenes Abitur dazu verschwenden die 08/15 Studiengänge zu belegen, wenn man auf Parties „Aboristik“ raushauen kann und damit jedem die Sprache verschlägt?

Gut, ich stelle mir zugegebenermaßen die gleiche Frage wie jeder: Was zum Teufel will man nachher mit so einem Fach mal machen? Bei manchen Studiengängen leuchtet das schlicht und

ergreifend nicht ein. In Liverpool gibt es eine private Uni, die den Studiengang „The Beatles: Popular Music & Society“ anbietet. Für schlappe 4000 Euro kann man in zwölf Monaten einen Abschluss in diesem – naja, gut nennen wir es so – Studienfach erwerben. Ok ich will hier ja keine Vorurteile säen.. Immerhin ist das auch eine Art von Freizeitbeschäftigung. Und meineserachtens immernoch sinnvoller, als auf einem Putting Green kleine Bällchen in kleine Löcher zu schubsen. Immerhin: Wer für einen Abschluss über die Kult-Pilzköpfe 4000 Euro über hat, braucht sich wohl auch keine Gedanken darüber zu machen, wo das Geld in Zukunft herkommt.

Aber es gibt durchaus auch positive Neuigkeiten für alle Exotikliebhaber: Orchideenfächer wandeln sich. Gehörten z.B. vor rund 40 Jahren noch Studiengänge wie Sinologie und Informatik zu ihnen, hat sich das heute radikal gewandelt.

Auch sind diese Studiengänge vielleicht nicht einmal so sehr brotlose Kunst, wie sie klingen. Durch die Tatsache, dass sich viele Wissenschaften immer weiter ausdifferenzieren und spezialisierte Fachkräfte benötigen, gibt es ja sicher doch die ein oder andere Nische auf dem Arbeitsmarkt. Ob man sich nun wirklich an die Exotenfächer rantraut oder nicht, ist jedem selbst überlassen. Aber eins ist Orchideen gutzuschreiben: Wenn sie mal blühen, dann über lange Zeit. Ja, ehrlich, dann sind sie kaum totzukriegen – so wie Informatik zum Beispiel.

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